Besser hätte es nicht klappen können, wir treffen meine Eltern vor der Paßkontrolle in Johannesburg. Unsere Flieger müssen fast zeitgleich gelandet sein, da sie nur kurz hinter uns in der Abfertigungsschlange stehen. Die Wiedersehensfreude ist groß und das gemeinsame Abenteuer Afrika kann beginnen. Wir übernehmen unseren 4 x 4 Toyota Hilux mit 2 Dachzelten, Baujahr 2010 und starten in Richtung Botswana.
Die Ausschilderung ist eine Katastrophe, wenn man etwas abseits der Hauptwege fährt und dann wurden Orte anscheinend auch noch umbenannt, so dass das Auffinden unseres ersten Nature Reserves, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, viel mit Zufall zu tun hat. Hätten wir noch länger gesucht, hätten wir ein echtes Problem gehabt, da die Tore in die Parks bei Dunkelheit geschlossen sind. Botswana ist rauher und wilder als Südafrika und Namibia, die Camps in den Nationalparks sind nicht umzäunt, so dass man nie weiß, welches Tier sich bei Einbruch der Dunkelheit noch heranschleicht, um nachzusehen, ob Fleischreste im BBQ übrig geblieben sind. Als wir abends zum ersten Mal in unseren 1,50 m x 2,00 m großen Dachzelten liegen fühlen wir uns aber sicher und wohl und ich beobachte noch eine Weile die Gluht unseres Lagerfeuers und freue mich auf die hoffentlich vielen Tierbeobachtungen wegen denen wir hier sind.
Wir arbeiten uns von Osten nach Norden vor und beobachten im Nata Bird Sanctuary begeistert tausende von Flamingos, die hier überwintern.
Am nächsten Tag sind wir schon eine ganze Weile unterwegs, als ich anfange zu stutzen. Die letzten 200 km kam kein Dorf mehr, nur vertrockneter Busch zieht an uns vorüber. Ich starre auf die Karte und ahne, an welcher Kreuzung wir den falschen Abzweig genommen haben, da die Ausschilderung mal wieder zu wünschen übrig ließ. Wir sind so richtig falsch, so dass wir die 3 Stunden wieder zurück müssen. Es ist klar, dass wir dies nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit schaffen. Schon am Tage muss Peter beim Fahren höllisch aufpassen, dass er keine Kuh, keine Ziege, kein Pferd oder keinen Esel überfährt. Die Tiere laufen ohne aufzusehen, völlig unmotiviert über die Straße oder bleiben mitten auf ihr stehen. Wir schaffen es aber ohne Unfall den ersten Ort zu erreichen und bekommen in der Lodge noch das Familienzimmer. Ich muss über das Bettarrangement schmunzeln, als Peter und ich im Kinderzimmer ins Etagenbett klettern.
Dann erreichen wir das berühmte Okavango Delta und lassen uns einen Rundflug nicht entgehen. Erst begutachten wir alles aus der Luft, um uns einen Überblick zu verschaffen und dann buche ich mit meinem Vater eine Fahrt mit dem Einbaum.
Zwei völlig unterschiedliche Wege das Delta zu erleben und keinen sollte man sich entgehen lassen. Die Fortbewegung ist ein bißchen wie in einer Gondel in Venedig. Ein Einheimischer stakst uns mit Hilfe eines langen Stabes durch das Schilf. Alles ist ganz ruhig und wir gleiten durch die Wasserwege dahin. Die Landschaft ist wunderschön und ich habe das Gefühl, ich bin eins mit der Natur. Hunderte von bunter Lybellen begleiten uns und viele Vögel, ein unvergessliches Erlebnis.
Anschließend erkunden wir den kleinen Teil des Deltas, der mit dem Auto erreichbar ist. Natürlich sollte man zur Hauptreisezeit rechtzeitig buchen, da die Nachfrage sehr groß und die Anzahl der Campstellen sehr gering ist. Am besten 1 Jahr im Voraus heißt es. Dies ist für Individualtouristen fast unmöglich, da man nie weiß, wo es einem besonders gut gefällt und wie lange man wo bleiben möchte. Zum Ärger aller Reisenden wurden dieses Jahr auch noch die bisher staatlichen Campingplätze privatisiert, so dass die Preise von 4 Euro pro Person auf 30-50 US$ pro Person gestiegen sind, eine absolute Frechheit. Zum Glück hatte ich noch vor der Privatisierung gebucht. Viele betuchte Touristen erleben das Delta ganz anders, sie lassen sich in eine der vielen Lodges einfliegen und dürfen dann mit Vollpension und Bootsausflügen pro Person (!) zwischen 500 bis 1.000 Euro zahlen. Ich kann über diese Preise nur staunen und über die Tatsache, dass es anscheinend so viele Leute gibt, die bereit sind soviel Geld zu zahlen, da die Lodges gut gebucht sind.
Kurz bevor wir aufbrechen treffe ich ein Pärchen aus Deutschland, dass gerade wieder aus dem Delta zurück ist. Sie sind bei einer Flussüberquerung stecken geblieben und kamen weder vor noch zurück. Das Wasser stand bis zum Lenkrad und sie waren verzweifelt. Da es schon dunkel wurde, als endlich Hilfe kam, wurden sie zu einer nahegelegenen Lodge gebracht und das Auto wurde erst am nächsten Tag aus dem Fluss gezogen. Die beiden hatten natürlich kein Auge zu gemacht und billig war die ganze Angelegenheit auch nicht gewesen. Ihr Auto ist aber, zu ihrer eigenen Verwunderung, wieder gestartet. Wir sind jedenfalls vorgewarnt und werden nicht dieselbe Strecke fahren.
Voller Erwartung passieren wir am nächsten Tag den Eingang des Moremi Nationalparks und werden gleich von Giraffen begrüßt, die mit ihren langen Zungen in aller Ruhe geschickt kleine Blätter von den Ästen zupfen, es macht richtig Spaß zuzusehen.
Am Nachmittag mieten wir uns ein Boot und machen zum Sonnenuntergang eine Spritztour durchs Delta. Es ist atemberaubend schön, alles wirkt so friedlich und im Einklang. Die Störche und Marabus sind die Boote wohl schon gewöhnt, da sie entspannt auf ihren Schlafplätzen sitzen bleiben, während wir vorbeigleiten.
Abends wasche ich mit meiner Stirnlampe ab und habe das Gefühl, dass da etwas ist. Ich drehe mich langsam um und traue meinen Augen kaum, da steht hinter mir eine große Hyäne, die sofort abhaut, als ich sie anleuchte. Ich stehe wie erstarrt da und schwenke meine Lampe in alle Richtungen. Dass ich alleine weiter abwasche ist jetzt natürlich ausgeschlossen und ich rufe nach Peter, der mit unserer Axt bewaffnet zu meinem Schutz eilt. Ab jetzt passe ich noch mehr auf, wenn es im Camp dunkel wird. Trotz des Schrecks sind es gerade solche Begegnungen, die Botswana ausmachen.
Nach 3 Tagen geht es weiter in Richtung Chobe Nationalpark, nach Savuti. Die Strecke ist die schlimmste, die wir bisher gefahren sind. Viele Tiefsandstellen, wo Peter sehr aufpassen muss, dass unser Toyota nicht stecken bleibt, viele Bodenwellen, die uns wie in einem Shaker durchschütteln und keine Ausweichmöglichkeiten für Gegenverkehr. Wir sehen aber unsere ersten Löwen, die direkt am Weg faul unter einen Baum dösen, typisch für den sog. König der Tiere.
Savuti ist berühmt für Elefantenbegegnungen und auch wir haben Glück. Als wir von unserer Pirschfahrt zurück kommen sehen wir zwei Elefanten direkt bei unserem Camp am Fluss. Die zwei fressen ganz friedlich und sind nur 12 Meter von uns entfernt. Die Sonne geht hinter ihnen unter und ich sitze mit einem Glas Wein in der Hand einfach nur da und würde am liebsten die Zeit anhalten.
Am nächsten Tag brechen wir nachmittags nochmal zu einer Pirschfahrt auf. Wir finden eine Strecke, die direkt zum Fluss führt und wir stellen uns in einer guten Beobachtungsposition hin und warten auf Tiere, keins kommt. Als Peter das Auto nochmal umsetzen will merken wir, dass ein Reifen im tiefen Sand durchdrehen. Jetzt hoffen wir, dass kein Tier kommt, da wir aussteigen müssen, um nachzusehen. Mutti wird beauftragt mit dem Fernglas wache zu halten und uns zu warnen, falls ein Löwe kommt. Wir legen die für solche Fälle von der Autovermietung mitgegebene Matte unter den Reifen, was beim nächsten Versuch aber nicht viel hilft. Unser Toyota hat sich trotz seines 4 x 4 Antriebs noch ein Stück tiefer eingegraben und Peter fängt in der sengenden Hitze an die Reifen mit unserer Schaufel freizubuddeln. Ich suche ein paar Stöcker, um sie unter die anderen Reifen zu legen und niemand kommt an dem verlassenen Ort vorbei, um uns behilflich zu sein. Zum Glück kommen auch keine Tiere. Ein neuer Versuch und wir sitzen noch tiefer im Sand fest. Der hintere Unterboden liegt schon auf, so dass wir noch einen Versuch haben, uns nach vorne frei zu fahren. Peter buddelt wie ein Weltmeister und der Zuckersand läuft immer wieder nach. Ich buddele mit meinen Händen und bin total eingesandet, als wir den letzten Versuch starten. Es ist schon 17 Uhr und in einer Stunde ist es dunkel. Jetzt bloß nicht darüber nachdenken, was wir machen, wenn es nicht klappt, es muss einfach klappen. Wir schieben und schnaufen, Peter gibt Gas und jawohl, der Wagen bewegt sich nach vorne und noch ein Stück und noch ein Stück, hurrah, wir sind frei. Erleichtert und sandig sitze ich im Auto, tausend Steine fallen mir vom Herzen. In die entlegene Ecke kommt wahrscheinlich nur alle paar Tage jemand vorbei, wenn überhaupt. Das ist ja gerade nochmal gut gegangen.
Wir fahren weiter nach Ihaha, zum Chobe River, das Eldorado für Tierbeobachtungen. Hier ist es so, wie man es im Fernsehen immer sieht, Herden von Zebras, Impalas, Kudus, Elefanten und Büffeln. Es gibt Affen, Giraffen, Krokodile, Nilpferde und viele bunte Vögel, wir sind hellauf begeistert, ein absoluter Höhepunkt der Reise.
Wir schlagen unser Camp direkt am Fluss auf, stellen unseren Tisch und die Stühle auf und müssen aufpassen, dass die Paviane und Meerkatzen uns nicht unsere Lebensmittel stibitzen. Wir stehen mit unseren Dachzelten direkt unter einem großen Baum, anscheinend ein bevorzugter Fressplatz der Elefanten bei Nacht, was wir natürlich nicht wissen. Meine Eltern wachen irgendwann von einem brechenden und schmatzenden Geräusch auf. Da stehen direkt am ihrem Zelt Elefanten, die mit ihrem Rüssel Zweige vom Baum abbrechen und in aller Seelenruhe fressen. Meine Eltern liegen wie versteinert da und trauen sich nicht mehr zu bewegen, bloß keine Aufmerksamkeit erwecken. Meine Mutter würde am liebsten auch das Atmen einstellen.. Ein Elefant geht, ein anderer kommt und dieser streift sogar die Zeltwand des Dachzeltes. Dies ist dann auch meinem Vater etwas zuviel Nähe und er überlegt, wie er sich jetzt am besten verhalten soll. Das Ergebnis ist: Einfach still liegen bleiben. Die Elefanten ziehen irgendwann weiter und ich begrüße meine Eltern am nächsten Morgen mit der Frage, ob sie gut geschlafen haben. Da ich Ohrenstöpsel benutze habe ich von dem nächtlichen Besuch nichts mitbekommen und bin ausgeschlafen.


























